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„Zigarren, Krieg und Widerstand“

Bericht aus dem Westfalenblatt:


„Zigarren, Krieg und Widerstand“(Westfalenblatt, 16./17.2. 2019)
von Ulrich Wlecke


Im Folgenden möchte ich von einer privaten Geschichte berichten, die bisher nur mündlich in unserer Familie weitergegeben wurde. Nun hat, wie ich erst jetzt anlässlich eines Besuches zum 85. Geburtstag meiner Mutter erfahren habe, ein Journalist des Westfalenblatts sie ausgegraben und veröffentlicht (Nr. 40, Sa./So., 16./17. Febr. 2019). Nun ist es öffentlich und deshalb will auch ich darüber reden.


Vorab: Auch wenn ich schon lange in Düsseldorf lebe, so bin ich Ost-Westfale. Ich komme aus Rahden, im Kreis Minden (früher Landkreis Lübbecke). Diese Gegend ist als Zigarrenmacher Gegend bekannt. Auch mein schon lange verstorbener Großvater August Wlecke war ein Zigarrenmacher. Er lernte bei der Firma Blase in Lübbecke und baute später seine eigene Zigarrenfabrik in meinem Heimatort Rahden auf. Das ist der Hintergrund der Geschichte.


In der Zeit des Nationalsozialismus wurde es ihm verboten, seine jüdischen Kunden, insb. Nachbarn, weiter zu versorgen. In dem Artikel wird geschildert, dass er sie weiterhin später nach Feierabend heimlich versorgte.


Mein leider auch schon verstorbener Vater Ewald Wlecke hatte später die Firma übernommen. Seine beiden Söhne, mein Bruder und ich, wollten die Firma nicht übernehmen. Ich selbst bin und war immer überzeugter Nichtraucher. Ich bin der Überzeugung, dass man seine Produkte wirklich mögen muss, wenn man sie produzieren und vertreiben will. Das war bei mir nicht der Fall. Deshalb kam für mich eine Übernahme der Firma nicht in Frage. Für meinen Bruder aus anderen Gründen auch nicht. Mein Vater hat mich deshalb, halb ernst und halb im Spaß, als „geschäftsschädigend“ bezeichnet. Obwohl ich früh überzeugter Nichtraucher war, habe ich aber auch früh Toleranz gegenüber Rauchern gelernt. Und nicht nur, weil ich sonst eine traurige Kindheit gehabt hätte. Auch heute bin ich, trotz überzeugtem Nichtrauchersein, diesbezüglich tolerant. Solange man mir den Rauch nicht ins Gesicht bläst, ist es mir gleich. Meiner Meinung nach werden Raucher und Wirte, mit Angeboten für Raucher, diskriminiert. Viele Wirte haben erheblich in Nichtraucherbereiche investiert und bleiben nun auf den Kosten dafür sitzen. Das finde ich nicht in Ordnung.


Die eigentliche Geschichte, die ich berichten möchte, ist aber eine andere: Mein Vater Ewald, Jahrgang 1929, sollte im Februar 1945, mit 15 Jahren, noch als Soldat eingezogen werden. Zusammen mit seinem Cousin Gerhard Heitmann, damals gerade 16 Jahre alt. Mein Großvater August, der als Soldat im 1. Weltkrieg viel durchgemacht hatte, war total dagegen und glaubte nicht, dass sein Sohn und sein Neffe das überleben würden. Außerdem hielt er den Krieg für verloren. Tatsächlich sind viele der Schulkameraden meines Vaters und seines Cousins noch kurz vor Kriegsende eingezogen worden und fielen. Der Familienrat tagte. Im Ergebnis wurden mein Vater und sein Cousin bei Verwandten auf dem Lande auf einem Bauernhof versteckt. So überlebten sie bis zum nahen Kriegsende, was damals natürlich nicht abzusehen war. Das war hoch riskant. Wegen Wehrkraftzersetzung und Fahnenflucht waren die beiden und alle Helfer bzw. Mitwisser mit dem Tode bedroht. Nur weil die gesamte Familie konsequent zusammenhielt, konnten die beiden Jungs gerettet werden. Mein Vater war damals so alt, wie heute mein jüngster Sohn.
Mein Großvater und die gesamte Familie, die keine Widerstandskämpfer waren, haben durch menschlich anständiges Verhalten und die Bereitschaft zu persönlichen Risiken, meinem Vater und seinem Cousin das Leben gerettet. Das ist das, was ich hier zum Ausdruck bringen möchte: Man muss kein Widerstandskämpfer oder Revolutionär sein, aber man hat die Wahl, anständig zu bleiben. Das sollten wir uns alle merken.


2017 waren wir mit der Familie zu Besuch auf dem Soldatenfriedhof in Bourdon (Nord-Frankreich), der in gutem Zustand ist, dank der Hilfe durch den Deutschen Volksbund Kriegsgräberfürsorge aber auch Hilfe von französischer Seite. Dort liegt der Großvater meiner Frau begraben und aus dem Wunsch meines Schwiegervaters, noch einmal das Grab seines Vaters zu besuchen, entstand ein Familienurlaub in Frankreich. Für meine Kinder war es der erste Besuch auf einem Soldatenfriedhof. Es war ein beeindruckendes Erlebnis für sie. Bei der Gelegenheit habe ich die obige Geschichte von meinem Vater und Großvater erzählt, wovon meine Kinder bis dahin nichts gehört hatten. Nun ist es veröffentlicht und dokumentiert. Gut so! Möge der Besuch auf Soldatenfriedhöfen noch vieles Positives bewirken und helfen, den Frieden in Europa zu bewahren!

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